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Verletzungsmanagement im Spitzensport

(Injury management in high performance sports)

Schmerzen, Beschwerden und Verletzungen sind ein alltägliches Phänomen im Spitzensport. Ausgehend von Hinweisen auf einen aus medizinischer Sicht höchst problematischen Umgang mit Schmerzen und Verletzungen durch Athleten und ihr Umfeld werden in der vorliegenden Arbeit Möglichkeiten und Grenzen eines ganzheitlichen Verletzungsmanagements im Spitzensport beleuchtet. Dabei stehen Fragen der verletzungsbezogenen Entscheidungspraxis und ihrer psychosozialen Entscheidungsbedingungen im Mittelpunkt. Obwohl diese Thematik eine hohe Relevanz für die spitzensportliche Praxis besitzt, ist die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen der Diagnose, Behandlung und Prävention von Sportverletzungen bislang unzureichend. Theoretischer Zugang Vor dem Hintergrund eines komplexen Gegenstandsbereichs setzt sich die Arbeit auf Basis eines systemtheoretisch-konstruktivistischen Zugangs mit dem Forschungsproblem auseinander. Dabei wird insbesondere auf entscheidungs-, management- und konflikttheoretische Ansätze zurückgegriffen. Aufbauend auf methodologischen Vorüberlegungen erfolgt im ersten Teil der Arbeit die Ausarbeitung eines mehrperspektivischen Erklärungsmodells zum Verletzungsmanagement im Spitzensport. In diesen Rahmen werden die zentralen Begrifflichkeiten Schmerz, Beschwerden, Verletzung und Gesundheit erläuternd eingebunden und spezifische verletzungsbezogene Entscheidungen und Entscheidungsbedingungen ausdifferenziert. Neben individuellen Entscheidungsbedingungen aus Perspektive von Athleten, Ärzten und Trainern wird der Fokus vor allem auf die „Sozialität“ des Entscheidens im Spitzensport gerichtet. Hier stehen die Entscheidungskommunikation und deren Bedingungen in organisierten Interaktionssystemen im Mittelpunkt. Überlegungen zu verletzungsbezogenen Konflikten und Konfliktpotentialen sowie zu möglichen Ansatzpunkten für ein ganzheitliches Verletzungsmanagement in Spitzensportorganisationen schließen die theoretischenÜberlegungen ab. Methodisches Vorgehen Um die mit dem Auftreten von Schmerzen und Verletzungen verbundene Entscheidungspraxis sowie relevante psychosoziale Entscheidungsbedingungen empirisch zu erfassen, werden Verletzungsbiografien von vier ausgewählten Spitzenleichtathleten und -handballspielern rekonstruiert und durch fallspezifische Perspektiven von Trainern und Ärzten ergänzt. Zur Anwendung kommt dabei eine grafisch gestützte Kombination von biografischem und problemzentriertem Interview, Mind-Mapping und der dokumentarischer Methode (biografisches System Mapping). Die Darstellung der vier System Mappings mit Hilfe von „Verletzungslandkarten“ bildet die Grundlage für eine Erstellung von Typologien zum Umgang mit Schmerzen und Verletzungen im Spitzensport. Ergebnisse Die Untersuchungsergebnisse verdeutlichen die Komplexität verletzungsbezogener Entscheidungslagen im Spitzensport. Schmerzen und Verletzungen werden für Athleten und Trainer erst dann zum Problem, wenn hierdurch die sportliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt wird. Dies zeigt sich beispielsweise in Verheimlichung und verspäteter Mitteilung einer Schmerzsymptomatik seitens der Athleten oder im Verzicht auf Trainings- und Wettkampfpausen. Fehlende Stoppmechanismen bei unklaren Beschwerdebildern und eine unzureichende medizinisch-orthopädische Diagnostik bei nicht-traumatischen Schmerzsymptomatiken tragen regelmäßig zur Aufrechterhaltung des Wettkampfbetriebs bei. Als Antwort auf nicht erfüllte Erwartungen an eine schnelle Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit resultieren Polypragmasie und oftmals auch der Rückgriff auf „Gurus“ und „Heiler“. Bei chronischen Beschwerden ist häufig eine Abwärtsspirale durch symptomatische Behandlung ohne Ursachenbeseitigung festzustellen. Zahlreiche Hinweise deuten auf eine ausgeprägte Kultur der Schmerzme-dikation und des „Fit-Spritzens“ zur Gewährleistung der sportlichen Leistungsbereitschaft hin. Gleichzeitig kommt es regelmäßig zur Bagatellisierung gesundheitlicher Risiken, um den Trainings- und Wettkampfbetrieb fortzusetzen. Wettkampfeinsätze trotz vorliegender Schmerzen und Verletzungen machen aus Sicht von Athleten, Trainern und Ärzten jedoch nur Sinn, wenn die sportliche Leistungsfähigkeit potenziell abrufbar ist. Oftmals bilden sich mit zunehmender Karrieredauer an den individuellen Bedürfnissen von Athleten und Trainern angepasste medizinische Unterstützungsnetzwerke aus. Ebenso ist eine präventiv orientierte Flexibilisierung der Belastungssteuerung zu beobachten, die zum einen aus einer Veränderung der Körper- und Schmerzwahrnehmung und zum anderen aus der (Weiter-) Entwicklung subjektiver Ursachen-Wirkungs-Konstruktionen zur Verletzungsentstehung und Verletzungsvermeidung bei Athleten und Trainern resultiert. Im Zuständigkeitsbereich der Spitzensportorganisationen zeigt sich jedoch nur eine gering ausgeprägte Vorstrukturierung von Entscheidungsprozessen bei der Behandlung von Beschwerden und Verletzungen, was sich auch an der häufig zu frühen Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten nach Verletzungspausen zeigt. Ausblick Die theoretischen Überlegungen und empirischen Untersuchungsergebnisse werden abschließend in allgemeinen Ansatzpunkten für ein möglichst ganzheitliches Verletzungsmanagement zusammengefasst. Weitere Studien zur Soziologie der Sportverletzung sind jedoch notwendig, um verletzungsbezogene Entscheidungslagen noch besser zu verstehen.
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Subjects: elite sport injury pain damage behaviour decision behavior prevention counselling sports medicine track and field handball
Notations: biological and medical sciences
Published: Tübingen Universität Tübingen 2009
Pages: 424
Document types: dissertation
Language: German
Level: advanced