Bogenschießen. Trainings- und bewegungswissenschaftliche Grundlagen

Ein Blick auf die Leistungsstruktur im Bogenschießen offenbart sehr schnell deren Komplexität: Es geht, man möchte sagen "natürlich", um Schießtechnik, um konditionelle und taktisch-kognitive Fähigkeiten, aber ebenso um psychische Fähigkeiten und veranlagungsbedingte, konstitutionelle und gesundheitliche Faktoren wie auch um soziale Faktoren. Diese übergreifenden Trainingsthemen gliedern sich dann wiederum in Einzelbereiche mit unterschiedlicher Wichtung hinsichtlich der sportlichen Leistung. Da sind im Konditionstraining Kraft (als Zug- und Haltekraft), Ausdauer (sowohl als spezifische als auch als Grundlagenausdauer gemeint) und in der Verbindung beider Fähigkeiten die Kraftausdauer zu trainieren. Im Rahmen dieses Trainings dürfen aber auch Wahrnehmungs- und Reaktionsschnelligkeit wie auch die Beweglichkeit (in der Hüfte, Wirbelsäule und insbesondere im Schultergelenk sowie in Hand- und Fingergelenken) nicht unterschätzt werden. Diese Fähigkeiten versucht der Bogenschütze im Rahmen psychologisch-kognitiver Handlungspläne technisch korrekt und mit einer außerordentlich hohen Bewegungspräzision und Bewegungsstabilität im Wettkampf zum Einsatz zu bringen. Dazu gilt es, ein stabiles psychisches Belastungs- bzw. Anforderungsniveau zu entwickeln und zu halten, um Bewegungsabläufe zu automatisieren und damit sehr gut reproduzieren zu können, ohne dass negative Einflüsse (wie Angst oder zeitlicher Stress) maßgeblichen Einfluss auf die sportliche Leistung nehmen können. Damit ist das Gesamtspektrum aber noch nicht ausgeschöpft, sollten Bogenschützen doch auch über eine gute Motivation, über ein entsprechend gut ausgeprägtes Niveau der Antriebs-, Ausführungs- und Zustandsregulation verfügen und in der sportartspezifischen Materialkunde zu Hause sein. Um für diese Leistungsstruktur bzw. diese Leistungsfaktoren ein geeignetes langfristig angelegtes Training, eine bogensportspezifische Trainings- und Bewegungslehre entwickeln zu können, gibt es unterschiedliche Grunddenkansätze. Die Autoren des vorliegenden Lehr- und Ausbildungsbuchs haben sich dafür entschieden, die Trainingsprozesse primär aus sportmedizinischer und leistungsphysiologischer Sicht zu betrachten. Daraus folgte auch die innere Gliederung des Buchs, das sich einleitend mit den anatomisch-physiologischen Grundlagen des Bogensports auseinandersetzt, d. h. es wird die Muskulatur bestimmt und vorgestellt, die für die Leistungserbringung im Bogenschießen von Bedeutung ist. Dies wiederum setzt voraus, dass man sich mit anatomisch-physiologischen Grundlagen des Bewegungsvollzugs im Bogenschießen befasst, diesen analysiert und strukturiert (im Bogenschießen gibt es dazu vier Positionsphasen Vorarbeit, Set-up, Ankern und Nachhalten. Die anatomischen und muskulären Verhältnisse im Körper des Sportlers werden sehr anschaulich verdeutlicht, was dann auch für die folgenden Kapitel entsprechende Wissensgrundlagen schafft, auf die immer wieder aufgebaut werden kann. Den Autoren geht es um korrekte Positionen und Bewegungen der Finger, der Hand, der Arme und der Schulter, um die jeweilige Funktion innerhalb der Gesamtbewegung entsprechend realisieren zu können. Die erläutern ebenso, welche Muskelgruppen an welcher Stelle der Bewegung wie beitragen, um ein gewünschtes sportliches Ergebnis zu erzielen. Diese anatomisch-physiologischen Kenntnisse werden im folgenden Schritt mit den Steuerungs- und Regelungsprozessen innerhalb des Ablaufs der Schießbewegung zusammengeführt, wozu die Funktionen und Arbeitsweisen der unterschiedlichen Informationssysteme (visuell, akustisch, taktil, vestibulär, kinästhetisch) eingehend mit Blick auf die Sportart diskutiert werden. Den Abschluss der biowissenschaftlichen Grundlagen bilden Kenntnisse aus der Neurophysiologie, die zum Beispiel im motorischen Lernen Bedeutung besitzen. In der Folge werden diese Wissensbestände in die trainingswissenschaftlichen Grundlagen zum Training im Bogensport "eingearbeitet". Dazu werden Trainingsprinzipien (in der Belastungsgestaltung), Prinzipien der Zyklisierung der Trainingsbelastung wie auch der Spezialisierung vorgestellt. Stets werden praktische Konsequenzen für die Planung und Durchführung des Trainings vorgestellt, die sich aus den vorgestellten Erkenntnissen für Übungsleiter und Trainer ergeben: So zum Beispiel wenn es um die proportionale Gestaltung des Trainings in den Bereichen Grundlagenausdauer und spezielle Kraftausdauer geht. Gleiches gilt, wenn die Autoren ihre Sicht auf das Prinzip der optimalen Relation der Entwicklung der verschiedenen Leistungskomponenten (mit allgemeiner und spezieller körperlicher Vorbereitung, mit psychologischer Vorbereitung, Schießtechnik, Bewegungsautomatisation und -koordination sowie Wettkampfmanagement) geht. Die angebotenen Hilfen zur Trainingsplanung, -realisierung und -auswertung sind dabei sehr hilfreich. Da geht es auch um Trainingssteuerung und Leistungsdiagnostik, um die Planung eines langfristigen, mehrstufigen Leistungsaufbaus bis zum Hochleistungsbereich, um Mikro-, Meso- und Makrozyklen oder um Bewegungsanalyse anhand von Bewegungsmerkmalen (mit einem hohen biomechanischen Anteil). Die sich anschließenden Kapitel zu den unterschiedlichen methodisch-inhaltlichen Trainingsschwerpunkten konditionelle Fähigkeiten, koordinative Fähigkeiten, Schießtechnik und Taktik orientieren sich an den sportartspezifischen Leistungsfaktoren und Anforderungen. Sie sind sehr praxisnah gestaltet, enthalten eine Vielzahl praktischer Erfahrungen, Hinweise, Vorschläge und Tipps für die Trainer und Übungsleiter. So gehen sie beispielsweise auf die Besonderheiten des Trainings im Kinder- und Jugendbereich ein oder stellen geeignete Kontrollverfahren und Tests zur Diagnostik des aktuellen Leistungsstands vor. Coaching, die Vorbereitung und Durchführung von Trainingslagern, eine sportartspezifische Ernährung sowie Materialfragen sind die Themen der abschließenden Kapitel, die das Bild einer sportartspezifischen Trainings- und Bewegungslehre abrunden bzw. komplettieren.
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Subjects: archery sport history performance factor anatomy physiology training science movement theory warming-up cooling-down physical conditioning ability coordinative ability technique tactics sport psychology competition coaching training camp nutrition sports equipment material training training method environment
Notations: technical sports training science
Published: Balingen Spitta 2010
Edition: Balingen: Spitta, 2010.- 718 S.
Pages: 718
Document types: book
Language: German
Level: advanced