Entwicklung und Evaluierung eines Neurofeedbackprogramms zur Schulung des Aufmerksamkeitsverhaltens im Schießsport

Neben den technischen Fertigkeiten sowie konditioneilen und koordinativen Fähigkeiten sind zunehmend auch die psychischen Leistungsvoraussetzungen wie die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit wesentliche Bedingungen für Hochleistungen im Sport (Stoll, 2010, S. 48). So z.B. hat die Aufmerksamkeitsfähigkeit in den schießsportlichen Disziplinen eine besonders hohe Relevanz (vgl. Haidn et al., 2010, S. 42; vgl. Kratzer, 2013, S. 9), da sie oft bei technisch gut ausgebildeten Sportlern entscheidend für die Leistungsunterschiede sind (Hoff, 1993, S. 263). Aufmerksames Verhalten ist vor allem in Situationen notwendig, die Abweichungen von hoch automatisierten Routinehandlungen erfordern. Aufmerksamkeitsprozesse ermöglichen so eine gezielte Handlungskontrolle. Die Unterscheidung von aufmerksamkeitsfordemden und automatisierten Prozessen erfolgt nach dem sog. SAS-Modell von Norman und Shallice (1986), welches in Abbildung 1 dargestellt ist. Bestimmte Handlungen bzw. Bewegungen erreichen durch jahrelanges Üben einen hohen Automatisierungsgrad, sodass sie unbewusst durchgeführt werden können. Diese Handlungen unterliegen dem Prozess des „Contention Scheduling“ (CS) (Hartje & Poeck, 2006, S. 403; Norman & Shallice, 1986, S. 3ff.). Erfordert jedoch die Situation eine flexible Anpassung des Handlungsvollzuges, sowie ein situationsadäquates aufmerksames Verhalten, so werden die willkürlichen Prozesse vom sog. „Supervisory Attentional System“ (SAS) gesteuert. Dies ermöglicht dem Schießsportler bspw. das Einengen des Wahrnehmungsfeldes, die Fokussierung auf relevante Information und das Ausblenden irrelevanter Reize oder eine gezielte, aufgabenadäquate Reaktion auf Störreize. Allerdings kann ein „inadäquates“ Eingreifen des SAS in automatisierte Prozesse (z.B. durch störende Gedanken) den Handlungsablauf beeinträchtigen. Entscheidend ist also zu analysieren, zu welchen Zeiten Handlungen unbewusst durchgeführt werden sollten und wann Aufmerksamkeitsprozesse notwendig sind. Des Weiteren ergibt sich dann die Frage, inwieweit durch adäquate Trainingsprogramme das individuelle und bewegungsphasenbezogene Aufmerksamkeitsverhalten geübt werden kann. Durch bisherige Verfahren, wie STEPS oder Senso-Control werden die vermeintlich wichtigsten Parameter der Aufmerksamkeit gesondert trainiert und die damit erworbenen Fähigkeiten müssen dann vom Sportler in die Bewegungsausführung implementiert werden (vgl. Kratzer, 2013, S. 75ff.). Da die Steuerung der aufmerksamkeitsfordemden Prozesse u.a. im präfrontalen Kortex (PFC) vermutet wird (Schellig et al., 2009, S. 764), bieten sich neuropsychologische Messungen in diesem Bereich z.B. durch Hämoenze-phalographie (HEG, auch NIRS, NIRI, DOI oder DOT) an. Diese ermöglichen Rückmeldungen von kortikalen Aktivitäten und werden bereits im klinischen Bereich zur Verbesserung mentaler Zustände angewandt. Mithilfe des HEG wollen wir ein Neurofeedbackverfahren entwickeln, welches eine direkte, sportartspezifische und bewegungsadäquate Schulung der Aufmerksamkeit gewährleistet.
© Copyright 2015 Sporttechnologie zwischen Theorie und Praxis VI - Beiträge aus dem Workshop SpoTec 2015 "Aktuelle Trends in Sport und Technik" incl. "Gangworkshop". Published by Shaker Verlag. All rights reserved.

Subjects: shooting feedback behaviour sport psychology neurophysiology
Notations: technical and natural sciences technical sports
Published in: Sporttechnologie zwischen Theorie und Praxis VI - Beiträge aus dem Workshop SpoTec 2015 "Aktuelle Trends in Sport und Technik" incl. "Gangworkshop"
Editors: K. Witte, J. Edelmann-Nusser
Published: Aachen Shaker Verlag 2015
Pages: 136-142
Document types: congress proceedings
Language: German
Level: advanced