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Zum Stellenwert des hessischen Landesprogramms „Talentsuche-Talentförderung“ in Sportarten mit frühem Einstiegsalter - Exemplarisch anhand der Sportarten Gerätturnen, Rhönradturnen, Schwimmen und Tischtennis

Das hessische Landesprogramm „Talentsuche-Talentförderung“ hat zum Ziel, Talentsuche und Talentförderung der Vereine durch ein schulisches Programm zu unterstützen. Es ist in zwei aufeinanderfolgende Förderstufen gegliedert: Zuerst erfolgt während der Grundschulzeit parallel zum Vereinstraini...ng eine vielseitige, sportartübergreifende Grundausbildung in Talentaufbaugruppen (TAG). Daran anschließend beginnt frühestens ab der vierten Klasse eine sportartspezifische Förderung in Talentfördergruppen (TFG). Mit Ende des sechsten Schuljahres ist die Förderung durch das Landesprogramm beendet und die für geeignet eingestuften Kinder werden in den E-Kader der Verbände übergeleitet. Nach wiederum zwei Jahren sollte dann schließlich der Eintritt vom E- in den D-Kader erfolgen. Aus dem Sachstand geht hervor, daß das hessische Landesprogramm in einigen Sportarten mit frühem Einstiegsalter nur einen geringen Stellenwert einnimmt. Der Hauptgrund dafür liegt in der Zuordnung der Talentaufbaugruppen zu den Klassenstufen eins bis vier und der Talentfördergruppen zu den Klassenstufen vier bis sechs. Der Beginn dieser beiden Förderstufen setzt für diese Sportarten zu spät an, wenn spätere Spitzenleistungen angestrebt werden. Sportarten mit frühem Einstiegsalter weisen besondere Bedingungen auf: Um einen langfristigen Leistungsaufbau zu gewährleisten, setzt das Einstiegsalter in ein sportartspezifisches Training aufgrund des früheren Höchstleistungsalters früher an als bei anderen Sportarten. Im Sachstand wird jedoch auch bemängelt, daß die Förderstrukturen im deutschen Nachwuchssport oft zu stark auf frühzeitige Erfolge ausgerichtet sind. Wird auf Kosten der Vielseitigkeitsschulung zu früh auf eine Sportart spezialisiert, ist dies gerade in Sportarten mit frühem Einstiegsalter häufig mit möglichen negativen Folgen verbunden: Die sportliche Leistung stagniert beispielsweise, bevor der individuelle Höchstleistungspunkt erreicht wurde oder der Sportler bricht aufgrund von Verletzungen durch einseitige Belastungen oder „Ausgebrannt-Sein“ frühzeitig seine Karriere ab. Dies trägt dazu bei, daß Deutschland zwar zu den weltbesten Sportnationen im Juniorenalter gehört, dieser Erfolg aber häufig nicht auf den Spitzensportbereich übertragen werden kann. Eine Vielzahl dieser erfolgreichen Junioren kann aus den genannten Gründen ihren Erfolg nämlich nicht in den Spitzenbereich übertragen. Daher wird vom deutschen Sportbund der verstärkte Aufbau von breit angelegten, vielseitigen Leistungsvoraussetzungen gefordert, weil diese vor den negativen Folgen einer zu frühen Spezialisierung schützen können. Dem versucht das hessische Landesprogramm nachzukommen, indem es eine vielseitige, sportartübergreifende Grundausbildung systematisch im Grundschulalter durchführt. Für die vorliegende Diplomarbeit stellte sich daher folgende Frage: Welchen Stellenwert nimmt das hessische Landesprogramm exemplarisch in den folgenden vier Sportarten mit vermutetem frühem Einstiegsalter ein: Gerätturnen, Rhönradturnen, Schwimmen und Tischtennis? Dazu wurden jeweils ein Talentfördergruppenleiter des hessischen Landesprogramms und ein D-Kader-Trainer aus den vier Sportarten in einem Experteninterview mit Leitfaden befragt. Die Fragen zielten generell auf die Bedeutung einer vielseitigen, sportartübergreifenden Grundausbildung und den Stellenwert des hessischen Landesprogramms aus Sicht der acht befragten Trainer ab. Nach den Auswertungen der Interviews zeigten sich folgende wichtige Ergebnisse: 1. Alle Sportarten weisen ein früheres Einstiegsalter in ein sportartspezifisches Training auf als andere Sportarten. Die Sportarten Gerätturnen und Tischtennis zeichnen sich zusätzlich durch ein frühes Eintrittsalter in den D-Kader aus (zwischen acht und zehn Jahren). Im Rhönradturnen und Schwimmen erfolgt dieser Eintritt im Vergleich dazu eher später (zwischen 12 und 14 Jahren). 2. Die vielseitige, sportartübergreifende Grundausbildung wird von sieben der acht befragten Trainer als äußerst wichtig angesehen. Zudem stellte sich heraus, daß bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der sportlichen Entwicklung gutes Trainerpersonal als wichtig angesehen wird, wenn spätere Spitzenleistungen angestrebt werden. 3. Bezüglich des Stellenwerts des hessischen Landesprogramms können die vier Sportarten in zwei Gruppen unterteilt werden: Im Rhönradturnen und Schwimmen nimmt das hessische Landesprogramm einen höheren Stellenwert, im Gerätturnen und Tischtennis einen eher geringeren Stellenwert im hessischen Nachwuchsförderprozess ein. Als Ergänzung zu den speziellen Fragestellungen zeigte sich als besonders interessant, daß bei allen vier Talentfördergruppen Modifikationen bei der Durchführung entwickelt wurden, sodass keine der 4 Talentfördergruppen nach dem vorgesehenen Konzept agiert. 4. Von allen befragten Trainern wurde für ihre Sportarten eine Vielzahl von Vorteilen, Mängeln und Verbesserungsvorschlägen für das hessische Landesprogramm genannt. Ein wesentlicher Vorteil ist die breit angelegte, vielseitige Ausbildung in den Talentaufbaugruppen und der daraus resultierende Schutz vor den möglichen Folgen einer zu frühen Spezialisierung sowie die zusätzliche Trainingszeit in den Talentfördergruppen. Der deutliche Hauptmangel, der von allen befragten Trainern erwähnt wurde, ist der zu späte Umstieg von den Talentaufbau- in die Talentfördergruppen. Diesen früher zu legen, ist der wesentliche Verbesserungsvorschlag der befragten Trainer. Im Diskussionskapitel wurde festgestellt: 1. Dass das hessische Landesprogramm eine große Chance für die vier Sportarten bietet, um der Forderung nach einer breiten, vielseitigen Ausbildung nachzukommen, weil es systematisch die von den Trainern und gemäß des Sachstands als äußerst wichtig angesehene vielseitige, sportartübergreifende Grundausbildung durchführt. Einzelne Trainermeinungen und der Sachstand stimmen zudem überein, dass dabei gute Trainer eine große Rolle spielen, wenn spätere Spitzenleistungen angestrebt werden. 2. Dass sowohl der Sachstand als auch alle befragten Trainer darin übereinstimmen, dass besonders der Umstieg von der Talentaufbau- in die Talentfördergruppe für die 4 Sportarten zu spät ansetzt. Aufgrund der Übereinstimmung der Traineraussagen und des Sachstands stellt dies offensichtlich das Hauptproblem dar. 3. Dass das hessische Landesprogramm im Rhönradturnen und Schwimmen vermutlich auch deshalb einen hohen Stellenwert einnimmt, weil die Talentfördergruppenleiter wesentliche Modifikationen vornehmen. Die Talentfördergruppen dieser Sportarten beginnen beispielsweise bereits ab der dritten Klasse, was im Konzept des Landesprogramms offiziell nicht vorgesehen ist. Als Ausblick wurde vom Verfasser aufgrund der Trainermeinungen und der Ausführungen des Sachstands vorgeschlagen, die Talentfördergruppen früher beginnen zu lassen, wie es bereits von den Talentfördergruppenleitern innerhalb ihres Handlungsspielraums eigenständig vorgenommen wird. Diese Modifikationen zeigen vor dem Hintergrund des Sachstands, dass sie aus inhaltlicher Sicht ausgesprochen notwendig sind. Daher sollten sie nach Meinung des Verfassers nachträglich akzeptiert und offiziell in das Konzept des Landesprogramms aufgenommen werden. Weil sich zeigte, dass das Landesprogramm von den Trainern generell als positiv angesehen wird, sollte daher als Schlussfolgerung zum bisherigen offiziellen Konzept ein zweites für Sportarten mit frühem Einstiegsalter verabschiedet werden, das die Anforderungen dieser Sportarten adäquat berücksichtigt. Als Fazit sei im Hinblick auf das Thema festgestellt, dass das hessische Landesprogramm generell eine große Chance für die vier exemplarischen Sportarten in der Nachwuchsförderung bietet und dass der Stellenwert im Rhönradturnen und Schwimmen bereits hoch ist. Die von den Talentfördergruppenleitern vorgenommenen Modifikationen zeigen jedoch, dass das Konzept des hessischen Landesprogramms die Anforderungen der Sportarten offiziell noch nicht adäquat zu berücksichtigen scheint und dass diese Modifikationen daher offiziell ins Landesprogramm aufgenommen werden sollten. Kontakt: hermann.beck@gmx.de
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Schlagworte: Talent Eignung Auswahl Sportart Schwimmen Tischtennis Gerätturnen Förderung Kind Jugend Spezialisierung Programm Deutschland
Notationen: Nachwuchssport Trainingswissenschaft Biowissenschaften und Sportmedizin
Herausgeber: Fachbereich 02 – Sozialwissenschaften, Medien und Sport. Institut für Sportwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Veröffentlicht: Mainz Institut für Sportwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität 2006
Dokumentenarten: Forschungsergebnis
Sprache: Deutsch
Level: mittel